Wer versteht, welche Bedürfnisse Menschen mit Demenz (weiterhin) haben, kann Lebensqualität für Betroffene und Angehörige fördern und erhalten.
Wie kann bei einer beginnenden Demenz die Selbstbestimmung erhalten werden? Wie können die gewohnten Aktivitäten, die Beziehungen, kurz: das gute Leben aufrechterhalten werden? Wer versteht, welche Bedürfnisse Menschen mit Demenz (weiterhin) haben, kann Lebensqualität für Betroffene und Angehörige fördern und erhalten. Hier gibt es brauchbare Tipps und Nützliche Hinweise:
Beginnende Demenz verunsichert. Nicht vergessen: Bedürfnisse beachten!
Wenn mit der beginnenden Demenz das Erinnern, die Orientierung, die Planung nicht mehr wie gewohnt funktionieren, fühlen wir uns verunsichert, instabil, verloren. Wer sind wir ohne diese wichtigen Fähigkeiten? Sind wir dann überhaupt noch „Ich“?
Sind alle Grundbedürfnisse erfüllt?
Ob Lebensqualität weiterhin gelingt, hängt von der Erfüllung unserer Grundbedürfnisse ab. Das gelingt nie perfekt. Aber sie zu ignorieren, führt sicher zu mehr Trauer, Ärger und Frustration.
Was Menschen brauchen, die mit Demenz leben, ist gar nicht so schwer zu verstehen.
Menschen, die mit Demenz leben, brauchen:
- das Gefühl, dazuzugehören
- Wollen ernstgenommen werden
- brauchen Sicherheit und Vertrauen
- wollen über sich selbst bestimmen
- wollen Aktivität und Sinn
- brauchen körperliches Wohlbefinden
- wollen weiterhin als individuelle Person wahrgenommen werden.
Ich kann noch viel machen, ich vergesse halt
„A Mensch mecht‘ i bleibn“, Wolfgang Ambros
Diese Bedürfnisse kennen wir alle. Aber im Alltag handeln wir bei Menschen mit Demenz oft genau gegenteilig. Und das bei bester, fürsorglicher Absicht.
Wir fragen nicht, wir entscheiden. Wir stellen Sicherheit über Freiheit. Unser Wunsch, dass alles sicher, ordentlich und wie gewohnt abläuft, verursacht Stress. Bei den Menschen mit Demenz, weil sie mit Fehlleistungen konfrontiert werden – und bei Angehörigen, weil sie daran scheitern und Widerstand erleben.
"Wir alle brauchen und verdienen das Bedürfnis, uns als Menschen zu fühlen und wir verlieren es niemals. Wir brauchen und verdienen es, ein gutes Gefühl gegenüber uns selbst zu haben." Richard Taylor (Pionier der Selbstvertretung von Menschen mit Demenz, +2015)
Lebensqualität fördern heißt, die Person sehen, nicht die Erkrankung
Der Sozialpsychologe Tom Kitwood hat die Person mit Demenz ins Zentrum seines Ansatzes gestellt und fünf Grundbedürfnisse genannt (und die Liebe ins Zentrum gestellt).
Er stellte die Einzigartigkeit und Individualität des Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt und betonte, dass Demenz nicht nur eine medizinische Diagnose ist, sondern auch die Person als Ganzes betrifft.
Für Kitwood ist die Art und Weise, wie Menschen mit Demenz behandelt werden, entscheidend für Wohlbefinden und Lebensqualität. Wir geben Ihnen einige konkrete Hinweise auf der Seite „Tipps für die Alltagsgestaltung“ Aber es gibt kein Rezept. Denn was für eine konkrete Person passt, können Sie nur im Dialog herausfinden. Denn jeder Mensch ist einzigartig, mit und ohne Demenz.
Medizin und Therapie leisten wichtige Beiträge
Gegen Demenz gibt es noch kaum Medikamente, schon gar keine heilenden. Aber zur Lebensqualität mit einer fortschreitenden Erkrankung gehören natürlich auch medizinische Behandlung und Therapien. Weil Menschen mit Demenz nicht immer gut ihre Schmerzen beschreiben können, bleiben sie manchmal unbehandelt. Auch Depressionen im Alter sind ein oft übersehenes Phänomen.
Zu den „nicht-medikamentösen“ Therapien, die viel zur Lebensqualität beitragen können, zählen Ergotherapie (sie hilft die Alltagsfertigkeiten zu verbessern für ein selbständiges Leben) und Logopädie, Körpertraining, kognitives Training (wenn es gut an die Phase der Demenz angepasst wird und nicht überfordert) und durchaus auch Psychotherapie (v.a. Verhaltenstherapie).
Gedächtnistraining wie Puzzeln kann die geistige Fitness unterstützen:
Puzzeln als Hobby
Video ansehenHolen Sie Hilfe und gehen Sie in Austausch mit anderen!
Und zu guter Letzt, noch ein Tipp: Weil das Leben mit einer Demenzerkrankung neu, verwirrend und oft auch isolierend ist, kann der Austausch mit anderen Betroffenen und Beratung sehr hilfreich sein. Es gibt mittlerweile eine Reihe von Schulungsangeboten, Selbsthilfegruppen und Peerberatung. Zu erkennen, dass man nicht allein ist, zu hören wie andere die Situation bewältigen oder welche konkreten Angebote es gibt, entlasten und können wieder Lebensfreude wecken.
Der Wunsch der Betroffenen dahinter ist: „Ich bin, wer ich war, und ich bin wichtig“
- Sprechen Sie mit dem von Demenz betroffenen Menschen, nicht über ihn:sie. Beziehen sie die Person in Gespräche ein, auch wenn er:sie wenig antwortet. So stärken Sie die ihre Identität.
- Stärken Sie Erinnerungen, sprechen Sie über Erlebnisse, Personen oder Orte, die wichtig waren. Orientieren Sie sich daran, was die Person mit Demenz gerade gerne erzählen möchte und welchen Teil ihrer langen Geschichte sie gerade betonen möchte. Unterstützen Sie das mit Fotos, Gegenständen und Ritualen, die wichtig waren und noch Bedeutung haben. Aber halten Sie die Person damit nicht in einer bestimmten Zeit fest.
- Ermöglichen Sie Selbstbestimmung im Alltag. Von Kleidung über Essen oder Tätigkeiten – bieten Sie eine Auswahlmöglichkeit an, ohne zu überfordern. Auch ein deutliches Nein ist ein Zeichen der Selbstbestimmung. Erkennen Sie das an, auch wenn es im Moment vielleicht stresst.
Der Wunsch der Betroffenen dahinter ist: „Ich bleibe ein soziales Wesen. Schließt mich nicht aus.“
- Dass die Person mit Demenz aktiv bleibt (Aktivierung) gelingt am besten bei Alltagstätigkeiten. Auch wenn etwas länger dauert oder nicht ganz „richtig“ erledigt wird. Lassen Sie die Person Dinge selbst tun. Denn:
- Gebraucht zu werden, eine Aufgabe zu haben ist entscheidend für die Lebensqualität.
- Gemeinsame Erlebnisse schaffen Abwechslung und Freude. Es gibt inzwischen viele Angebote, die auch für Menschen mit Demenz gut zugänglich sind: Gehen Sie gemeinsam in ein Museum, ins Konzert, machen Sie Bewegung. Das Erleben von Schönheit, Natur, Kultur ist für die Lebensfreude wichtig.
- Vielleicht mag eine Person auch plötzlich Dinge, die in der Jugend wichtig waren, probieren Sie einfach aus. Vielleicht finden Sie auch Begleitpersonen wie sogenannte „Demenz Buddies“, die hier mithelfen.
- Versuchen Sie, gewohnte Beziehungen zu erhalten. Es fällt uns noch immer schwer, mit einer Demenzdiagnose an den Freundeskreis, an Vereinskollegen oder Nachbarn heranzutreten. Wenn Sie offen sprechen, finden sich sicherlich Menschen, die bereit sind, mit Ihnen und Ihrem Angehörigen in Kontakt zu bleiben.
Der Wunsch der Betroffenen dahinter ist: „Mein Leben macht mir Angst. Gibst du mir Halt?“
- Das Leben mit Vergessen und abnehmenden Alltagsfähigkeiten kann richtig Angst machen. Nehmen Sie Gefühle wie Wut, Trauer und Angst ernst, reden Sie sie nicht klein. Sie könnten Ihr Mitgefühl ausdrücken durch „Das klingt schwer.“ Oder „Ich bin bei dir, ich bleibe da.“
- Oft hilft aber auch eine Prise Humor. Natürlich nur, wenn er nicht abwertend ist. Lassen Sie sich von der Person leiten, ob sie einen Funken Humor entdeckt im Jetzt.
- Vermeiden Sie Überforderung, setzen Sie lieber auf Ruhe und Entspannung. Hektik, weil man rasch zu einem Termin muss, zu viele Personen, zu viele Fragen, ungewohnte Umgebung. Seien Sie achtsam, wann Rückzug und Stille gefragt sind. Und planen Sie Treffen immer so, dass auch bei Festen, Terminen oder Urlauben Ruhe-Inseln möglich sind.
Der Wunsch der Betroffenen dahinter ist: „Ich will nicht nur rumsitzen, ich möchte etwas tun, das mir guttut.“
- So schwer es uns oft fällt, so wichtig ist es: Menschen wollen weiterhin etwas tun. Auch wenn es nicht perfekt klappt. Bieten Sie einfache Tätigkeiten im Alltag an und achten Sie, ob diese Bedeutung haben. Das braucht vielleicht Fantasie und Kreativität. Und: „tun“ kann auch im Dabeisein bestehen. Ermöglichen Sie dann Blickkontakt und kommentieren Sie, was gerade passiert.
- Kreativität kann Überraschungen bieten. Malen, singen, töpfern – auch wenn das früher nie wichtig war, kann es zu Entspannung und Freude beitragen. Nutzen Sie dazu vor allem die Angebote in Tagesbetreuungen und seien Sie offen für Neues!
- Fördern Sie die Selbstpflege – das sind Tätigkeiten, mit denen die Person das eigene Wohlbefinden fördert. Natürlich kann das Mitwirkung bei der Körperpflege sein (auch wenn die dann länger dauert), aber auch scheinbare Kleinigkeiten wie das eigene Tempo bestimmen, sich zurückziehen, beten oder sich lackierte Nägel wünschen.